Die Gewinnergedichte des Gedichtwettbewerbes "Zeilen und Zeiten"



6. Preis

Adelheid Weigl-Gosse

Dichten

Dichten
ist fotografieren mit Papier und Schreibzeug
ist wie ein Lebensdestillat

Dichten
das ist die Zeit des Unversäumten
mit Freiheit hinzusehen und zu verstehen

Ja Dichten
ist Musik mit Worten
ist Schweigen, Hören und Gespräch

Dichten
ist Arbeit und Geschenk
ist Medizin und Heilen

Dichten
ist „Eintritt frei“ und bleibt trotzdem
privat und anderen entzogen

Dichten
das präludiert was kommt
auch wenn die Bilder schon Urahnen träumten

Dichten
ist eine Zeit in Form gegossen
Erinnerung und ohne Hast

Dichten
ist Augenblick und Ewigkeit
in einem


7. Preis

Dörte Herrmann

Lachen müsste man können

Im Rinnstein liegt die Geschichte eines Landes
das wir erben sollten
wir trampeln darüber ob wir wollen oder nicht
aufgedeckt wird eh nur die schmutzige Seite

Könnten wir einen Film machen
der unser Leben ist
hätten wir dann alle Irrtümer ausgelassen
oder erst recht begangen

Das Denken ist noch immer eindimensional
wer hat gesagt es sei besser gewesen
so zu leben nur wärmer war‘s und
es gab mehr Du als Ich und sicheristsicher

Lachen müsste man können
denn gestorben wird immer
und zu erben gab‘s nur schlechte Gewissen
die dafür en massé

Unsere Köpfe schütteln sich also
wir stehen ohne Erbe
ohne Vergangenheit
die Hände in den Taschen
und die Zungen kleben uns im Hals

Da sind die Sterne noch
die wir uns benannten
eine Stunde hat noch immer sechzig Minuten
und Alkohol ist nicht verboten
das ist beinah schon alles
was noch wie früher ist

anders sind unsere Blicke Werte
Hoffnungen Wahrheiten Kleider
selbst die Nacktheit der Körper
und unser Lachen

Lachen müsste man darüber können


8. Preis

Wolfgang Wurm

Vor Vulkanen

Wie sie bauen, be
Bauen und wieder
Bebauen

Die drohende Erde
Das lose Gestein

Die schon so oft
Ü ber Nacht
Aus dem Boden gesprengten

Worauf sie vertrauen
Gegen das Ende

Ein weiteres Mal
In der Wut
Der Sirenen

So rufe, so
Schreibe ich an


9. Preis

Roland Spewak

Berlin

Ick war noch jung und unerfahren,
als mir dein Charm hat sanft verführt.
In den verjangnen dreißig Jahren,
Hab deine Liebe ick jespürt.

Ick war oft an der krummen Lanke,
am Kudamm bin ick jern flaniert.
Ick sag dir heute dafür Danke,
auch wenn `ne Kälte ick verspürt.

De Roten ließen dir nich lose
Jenossen saßen an de Spree.
Der Westen schützte nur det Jroße
Ne Grenze jab`s am Griebnitzsee,

Det Brandenburjer Tor war Dichte,
de Sieger ham dir einjesperrt
Du warst een Spielball der Jeschichte,
Dein Bild hat Mauern arg verzerrt,

De Braunen haste widersprochen,
de Obtigkeit haste verlacht.
dem Jelde bist in Arsch jekrochen.
De Wende hat dir arm jemacht,

Bei dir, da war ick eenmal oben,
und hab jepennt am Müggelsee.
Ick werd dir trotzdem immer Loben,
och wenn ick dir nur selten seh.

Heut leb ick an der Nordseeküste,
det halbe Herze ist nur hier.
Det andre ruht an deiner Büste
du mein Berlin, ick liebe dir.


10. Preis

Sara Zohneh Hayat

Die Bewirtung der Sonne

Dunkler Horizont
Blauer Himmel
Lebloses Himmelsgewölbe
ermüdete Tauben
Der Mensch starrt in die Weite und wartet
Das Jahrhundert des Eisens, des Raumflugs,
aber ohne Zukunft.
Ach wo sind oje!
Die großmütigen starken ehrenhaften Männer

Kommt!
Nehmt vier Seiten vom Teppich der Existenz
in eine Faust und
säubert die Jahrhunderte vom Staub

Die Welt braucht das Licht!
Ein ewiges Licht und eine feste Waage
In einer Waagschale liegt Eisen
Und in der anderen liegt
Der großartige Geist der Menschen
Bis in die Ewigkeit

Der Wohnraum der Menschheit wird endlos sein

Die Herzen schlagen in einem Rhythmus,
Die Schritte auch in eine Richtung gerichtet werden
Ein Pulsschlag, eine Resonanz, eine Melodie.

Kommt! Beginnt die Bewegung

Die Zeit vergeht, eine Reise ohne Rückkehr
Merkt sie euch tief